Benni (Name geändert), ein fünfjähriger Junge, spielt während der Tomatis-Hörtherapie vergnügt in meinem Kinderzimmer. Anfangs brauchte er etwas Zeit, um sich an die Kopfhörer und meine Angebote zu gewöhnen. Inzwischen fühlt er sich wohl – nur seine Mutter muss noch immer im Raum bleiben.
Sie würde gern selbst im Nebenraum ihr eigenes Hörprogramm erleben, doch sobald sie sich bewegt oder aufsteht, wird Benni unruhig und beginnt zu weinen. Beim Spielen behält er sie ständig im Blick.
Zwei Tage lang beobachte ich das. Am dritten Tag sage ich leise zu Bennis Mutter: „Wenn Sie sich sicher sind, dass er hier sicher ist, können Sie aus dem Raum gehen.“
Sie schaut mich an und antwortet: „Ja, das bin ich.“
Dann steht sie auf und geht hinaus. Von diesem Moment an ist es kein Problem mehr, dass Benni allein mit mir im Kinderzimmer bleibt.
Ich denke noch oft an diese kleine Begebenheit. Denn sie zeigt etwas, das mich in meiner Arbeit mit Kindern und ihren Familien immer wieder beschäftigt: Im Verhalten eines Kindes zeigt sich, wie es seine Welt erlebt. Und zu dieser Welt gehören auch die Gefühle, Sorgen und Reaktionen der Menschen um es herum.
Wenn plötzlich viele Menschen mit am Tisch sitzen
Eltern kommen mit ganz unterschiedlichen Anliegen zu mir. Ihr Kind hat Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, findet in einer Gruppe schwer Anschluss, reagiert ungewöhnlich stark auf Geräusche oder tut sich mit dem Lernen schwer.
Oft liegt bereits eine längere Geschichte hinter ihnen: Im Kindergarten oder in der Schule wurde auf Auffälligkeiten hingewiesen. Ein Arzt empfiehlt eine Untersuchung, eine Lehrerin eine weitere Abklärung, vielleicht steht die Frage nach einer Diagnose oder einer Schulbegleitung im Raum.
Gleichzeitig erleben die Eltern ihr Kind auch ganz anders. Sie kennen seine Neugier, seine Kreativität, seine besonderen Interessen und Fähigkeiten. Sie sehen, was ihm gelingt – und verstehen manchmal nicht, warum es in einer diagnostischen Situation plötzlich blockiert und kaum etwas von dem zeigen kann, was es eigentlich kann.
Sollten sie einer weiteren Untersuchung zustimmen? Hilft eine Diagnose ihrem Kind oder wird es dadurch auf seine Schwierigkeiten festgelegt? Welche Schule ist die richtige? Wie können sie ihr Kind unterstützen, ohne es ständig mit seinen Problemen zu konfrontieren?
Wenn eine Familie zu mir zum Ersttermin kommt, habe ich deshalb manchmal das Gefühl, dass noch viele andere Menschen mit am Tisch sitzen: Ärzte, Therapeuten, Erzieherinnen, Lehrer, Verwandte. Alle haben etwas beobachtet, beurteilt oder empfohlen.
Und alle beeinflussen damit, wie die Eltern ihr Kind inzwischen wahrnehmen.
Was hat das alles mit dem Hören zu tun?
Bei manchen Kindern stehen Schwierigkeiten der Hörwahrnehmung und Hörverarbeitung in engem Zusammenhang mit ihren Problemen im Alltag.
Wer aus vielen gleichzeitig eintreffenden Geräuschen und Stimmen nur schwer das Wichtige heraushören kann, braucht möglicherweise viel Kraft, um einem Gespräch zu folgen oder seine Aufmerksamkeit auf eine Aufgabe zu richten.
Und Hören ist für mich weit mehr als die Verarbeitung akustischer Reize: Wir hören einander zu, reagieren auf den Tonfall einer Stimme, nehmen Unsicherheit, Anspannung oder Zuversicht wahr. Wir versuchen, uns verständlich zu machen, und können erleben, wie es ist, verstanden zu werden.
Hören, Kommunikation und Verhalten beeinflussen sich gegenseitig.
Das betrifft nicht nur das Kind, sondern auch seine Eltern und die Menschen, mit denen es täglich zu tun hat.
Deshalb interessiert mich beim Ersttermin nicht allein, welche Schwierigkeiten ein Kind mitbringt. Ich möchte auch erleben, wie es Kontakt aufnimmt, worauf es neugierig reagiert, wann es sich sicher fühlt und unter welchen Bedingungen es seine Fähigkeiten zeigen kann.
Meine ersten Begegnungen mit Kindern sind deshalb oft sehr spielerisch.
Manchmal erkenne ich dabei recht schnell Hinweise auf Schwierigkeiten in der Hörverarbeitung. Aber was ein Kind darüber hinaus braucht und welche Muster in seinem Umfeld möglicherweise eine Rolle spielen, zeigt sich häufig erst mit der Zeit.
Zeit, um einander anders wahrzunehmen
Eine Tomatis-Hörtherapie umfasst mehrere intensive Hörphasen. In meiner Praxis erlebt ein Elternteil eine Hörphase vollständig mit und erhält dabei ein eigenes, individuell abgestimmtes Hörprogramm.
Über viele Tage begegnen wir einander in einem anderen Rahmen als bei einem einzelnen Untersuchungstermin. Ich erlebe das Kind beim Spielen, beim Hören, in seinen Reaktionen und in der Begegnung mit seinen Eltern. Nach und nach wird deutlicher, was ihm Sicherheit gibt, wo seine Stärken liegen und welche Formen der Ansprache es unterstützen.
Gleichzeitig bekommen auch die Eltern Zeit für sich. Oft fällt es ihnen zunächst schwer, zwei Stunden lang nichts erledigen zu müssen. Doch gerade in dieser ungewohnten Ruhe entsteht Raum für andere Fragen:
Warum reagieren wir in bestimmten Situationen immer wieder gleich? Was trauen wir unserem Kind eigentlich zu? Wo versuchen wir, es vor Erfahrungen zu schützen, die es vielleicht längst selbst bewältigen könnte?
Solche Fragen lassen sich nicht verordnen. Sie entstehen im gemeinsamen Prozess.
Wo liegt eigentlich die Schwierigkeit?
Über mehr als zwanzig Jahre habe ich erlebt, wie sehr sich die Anforderungen an Familien verändert haben.
Eltern müssen heute oft Beruf, Betreuung, schulische Erwartungen und einen Alltag voller Informationen und ständiger Erreichbarkeit miteinander vereinbaren.
Auch Kinder werden häufig schon früh beobachtet und beurteilt. Verhaltensweisen, die vielleicht früher zunächst als Teil einer individuellen Entwicklung betrachtet wurden, führen heute schneller zu Fragen nach Förderbedarf und Diagnostik.
Eine sorgfältige diagnostische Abklärung kann Familien entlasten und helfen, passende Unterstützung zu finden. Aber eine Diagnose beschreibt niemals den ganzen Menschen.
Und manchmal zeigt sich erst nach längerer Zeit, dass eine Schwierigkeit nicht allein im Wahrnehmungssystem des Kindes liegt. Vielleicht spielen auch die Kommunikation in der Familie, die Erwartungen der Schule oder die Reaktionen anderer Menschen eine Rolle.
Mich interessiert dann weniger, wer etwas falsch macht, sondern vielmehr, wo Veränderung möglich wird.
Kindern etwas zutrauen
Die Geschichte mit Benni und seiner Mutter ist mir deshalb so in Erinnerung geblieben, weil sich in diesem Moment etwas verändert hat, ohne dass wir lange darüber sprechen mussten.
Die Mutter konnte sich ihrer eigenen Sicherheit bewusst werden. Und Benni konnte eine neue Erfahrung machen.
Das bedeutet nicht, dass sich jede Schwierigkeit so einfach lösen lässt.
Aber ich erlebe immer wieder, wie gut Kinder sich entwickeln können, wenn die Erwachsenen um sie herum beginnen, den Fähigkeiten der Kinder und ihrem ganz eigenen Entwicklungsweg mehr zu vertrauen.
Kinder brauchen manchmal Diagnostik, Therapie, besondere Förderung oder Schutz. Sie brauchen aber ebenso Gelegenheiten, ihre eigene Selbstwirksamkeit zu entdecken: etwas auszuprobieren, neugierig zu sein, Fehler zu machen, einen Umweg zu gehen – und zu erleben, dass sie selbst etwas bewirken können.
Auch Eltern müssen nicht immer schon wissen, welcher Weg der richtige ist. Sie dürfen ihre bisherigen Reaktionen überdenken, Neues ausprobieren und sich gegenüber Fachleuten für die Besonderheiten ihres Kindes einsetzen.
Für mich ist die Hörtherapie mit Kindern deshalb immer auch ein gemeinsamer Suchprozess. Wir wissen am Anfang noch nicht alles. Und manchmal entdecken wir erst unterwegs, wo die eigentlichen Möglichkeiten liegen.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erfahrungen, die wir einem Kind ermöglichen können: dass es nicht auf seine Schwierigkeiten festgelegt ist – und dass wir ihm zutrauen, seinen eigenen Weg zu finden.
