Menschen kommen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen von Hyperakusis zu mir.
Manchmal wurde bei einem Hörtest festgestellt, dass die Toleranz gegenüber Lautstärke kaum noch vorhanden ist. Manche Menschen kommen nach einem Hörsturz, weil sich Geräusche plötzlich ganz anders anhören und sie sich kaum noch ohne Gehörschutz aus dem Haus trauen. Musiker möchten sich im Orchester vorsichtshalber vor möglichst vielen Schallereignissen schützen.
Bei anderen ist die Belastung schon so groß geworden, dass beinahe jeder Mensch, der ihnen begegnet, zu einer möglichen Lärmquelle wird. Ein Gespräch, eine Tür, die zufällt, Geschirrklappern, Kinderstimmen – überall könnte das nächste Geräusch lauern, das zu viel ist.
Und dann gibt es Kinder, für die Geräusche schon sehr früh schwer auszuhalten sind, beispielsweise weil sie aufgrund einer genetischen Erkrankung oder einer Autismus-Spektrum-Störung Reize nur schwer filtern können.
All diese sehr unterschiedlichen Erfahrungen werden mit demselben Begriff beschrieben: Hyperakusis.
Und doch kann sich dahinter etwas sehr Unterschiedliches verbergen.
Was bedeutet eigentlich „zu laut“?
Auch die Geräusche, die als belastend erlebt werden, unterscheiden sich. Für den einen sind es vor allem tiefe Frequenzen, für den anderen hohe Töne. Manche reagieren besonders auf plötzliche Geräusche, andere auf Stimmen oder auf Schall, der von hinten kommt.
Je länger ich mit Menschen mit Hyperakusis arbeite, desto deutlicher wird mir, wie unscharf dieser Begriff eigentlich ist.
Natürlich bezeichnet Hyperakusis zunächst eine verminderte Toleranz gegenüber Schall. Aber diese Beschreibung sagt noch wenig darüber aus, was ein einzelner Mensch tatsächlich erlebt und warum ein Geräusch für ihn zur Belastung geworden ist.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Begriff auch ein Versuch ist, einem schwer fassbaren Erleben einen Namen zu geben. Wenn Geräusche Stress oder Angst auslösen und der Alltag immer stärker davon bestimmt wird, kann eine Bezeichnung zunächst Sicherheit geben: Das, was ich erlebe, hat einen Namen.
Für meine Arbeit beginnt an dieser Stelle aber erst die eigentliche Frage.
Welche Hyperakusis bringt dieser Mensch mit?
Nach einem schweren Hörsturz habe ich selbst erlebt, wie schnell sich das eigene Verhältnis zu Geräuschen verändern kann.
Gewohnte Stimmen klangen plötzlich schriller. Beim Musikhören nahm ich Verzerrungen wahr. Vieles empfand ich tatsächlich zunächst als zu laut. Und gleichzeitig saß mir die Angst, dass es nie wieder besser werden könnte, buchstäblich im Ohr.
Damit war „zu laut“ nicht mehr nur eine akustische Wahrnehmung. Geräusche bekamen etwas Bedrohliches.
Mein Hörsystem hatte vorher sehr gut gelernt, akustische Reize zu filtern und sich unterschiedlichen Hörsituationen anzupassen. Durch den Hörsturz war diese vertraute Fähigkeit plötzlich beeinträchtigt.
Das ist etwas anderes als bei einem Kind, dessen Hörverarbeitung sich noch entwickelt und das möglicherweise von Anfang an Schwierigkeiten hat, aus der Vielzahl akustischer Reize Wichtiges herauszufiltern und Unwichtiges in den Hintergrund treten zu lassen.
Meine eigene Erfahrung hilft mir heute, die Verunsicherung durch Hyperakusis gut nachzuvollziehen. Sie hat mir aber auch gezeigt, dass meine Hyperakusis nicht die Hyperakusis eines anderen Menschen ist.
Deshalb ist die Auftragsklärung so wichtig
Wenn jemand mit Hyperakusis zu mir kommt, möchte ich zunächst möglichst genau verstehen, was eigentlich geschieht.
Gibt es einen Hörverlust oder einen vorausgegangenen Hörsturz? Gibt es zusätzlich einen Tinnitus? Welche Geräusche werden als belastend erlebt? Was geschieht körperlich und emotional, wenn ein solches Geräusch auftaucht? Gibt es die Angst, das Gehör durch Lautstärke weiter zu schädigen? Welche Situationen werden inzwischen vermieden? Welche Rolle spielt Gehörschutz? Und wie haben sich Alltag und Beziehungen verändert?
Manchmal führt die Suche nach Ruhe sehr weit. Menschen vermeiden Veranstaltungen oder Treffen, ziehen sich aus sozialen Situationen zurück oder suchen verzweifelt nach einer Wohnung, in der endlich keine störenden Geräusche mehr zu hören sind.
Dann betrifft die Hyperakusis längst nicht mehr nur das Hören.
Wenn Schutz notwendig wird – und irgendwann selbst einschränkt
Gehörschutz kann wichtig und sinnvoll sein. Gerade nach einer Schädigung des Gehörs oder bei tatsächlich hohen Schallpegeln gibt es gute Gründe, das Ohr zu schützen.
Gleichzeitig erlebe ich, dass sich Schutzverhalten verselbstständigen kann. Die Sorge vor dem nächsten zu lauten Geräusch wächst, immer mehr Situationen werden vorsorglich vermieden und der Radius, in dem man sich sicher fühlt, wird kleiner.
Dabei können sich im Laufe der Zeit Symptom, Schutzverhalten, Beziehungen und Alltagsorganisation so miteinander verknüpfen, dass Veränderung selbst bedrohlich werden kann.
Auch das soziale Umfeld spielt dabei eine Rolle. Familienmitglieder werden leiser, Türen besonders vorsichtig geschlossen, bestimmte Tätigkeiten vermieden. Das kann zunächst entlasten. Gleichzeitig kann sich dadurch ungewollt die Erfahrung festigen: Geräusche sind gefährlich – ich muss vor ihnen geschützt werden.
Besonders eindrücklich habe ich das bei einer Mutter erlebt, deren Kind aufgrund einer genetischen Erkrankung unter einer ausgeprägten Hyperakusis litt. Sie erzählte mir, dass sie selbst früher überhaupt kein Problem mit lauten Geräuschen hatte. Mit der Zeit begann sie jedoch, ihr Kind vor Geräuschen zu warnen – etwa bevor sie die Spülmaschine ausräumte – und reagierte schließlich selbst zunehmend schreckhaft auf plötzliche oder laute Geräusche. Fast humorvoll bezeichneten wir das irgendwann als eine Art „Co-Hyperakusis“.
Was ich bei Kindern beobachte
Gerade bei Kindern erlebe ich immer wieder etwas, das mich bis heute fasziniert.
Im Verlauf der Hörtherapie kann sich die Geräuschempfindlichkeit sehr deutlich verändern. Bei manchen Kindern verschwindet die Hyperakusis vollständig.
Manchmal gibt es dabei eine interessante Übergangszeit: Das Kind hält sich bei bestimmten Geräuschen noch die Ohren zu, obwohl es auf das Geräusch selbst längst nicht mehr so belastet reagiert wie vorher. Das Schutzverhalten scheint noch eine Weile aus Gewohnheit bestehen zu bleiben. Nach und nach wird es weniger – und manchmal verschwindet es schließlich ganz.
Dabei erlebe ich die Haltung der Eltern als einen wichtigen Teil des Prozesses. Wenn auch sie wieder Vertrauen entwickeln können und nicht mehr jedes Geräusch daraufhin überprüfen müssen, ob es für ihr Kind möglicherweise zu viel sein könnte, entsteht ein anderer Raum für Entwicklung.
Das bedeutet nicht, die Belastung des Kindes zu ignorieren. Es bedeutet, genau hinzuschauen – und gleichzeitig die Zuversicht zu behalten, dass Veränderung möglich sein darf.
Bei Erwachsenen kommt häufig die Angst hinzu
Vor allem wenn die Hyperakusis nach einem Hörsturz, Tinnitus oder einer anderen belastenden Erfahrung entstanden ist, hat sich häufig eine große Angst vor Lautstärke entwickelt. Dann reicht es für mich nicht, ausschließlich mit dem Hören zu arbeiten.
Systemische Gespräche und manchmal auch einzelne Elemente aus der Traumabearbeitung können helfen, Angst und Schutzverhalten mit einzubeziehen. Ein wichtiger Schritt kann bereits sein, sich wieder vorsichtig an Hörsituationen heranzuwagen, die aus Angst lange vermieden oder nur mit Gehörschutz bewältigt wurden. Dabei kann die Erfahrung entstehen: Es ist nichts passiert. Vielleicht kann ich meinem Hörsystem doch wieder etwas mehr zutrauen.
Das lässt sich nicht erzwingen. Wenn sich die Hyperakusis über lange Zeit eng mit Sicherheit, Beziehungen und der Gestaltung des gesamten Lebens verbunden hat, kann selbst eine gewünschte Veränderung wieder als Bedrohung erlebt werden. Hier sind manchmal auch die Grenzen meiner Möglichkeiten erreicht.
Neue Erfahrungen mit dem eigenen Hören
In der Tomatis-Hörtherapie arbeite ich mit individuell aufbereiteten Klängen, um die Verarbeitung von Höreindrücken anzuregen. Bei einer ausgeprägten Hyperakusis muss die Stimulation sehr behutsam an die individuelle Hörtoleranz angepasst werden.
Besonders interessant finde ich im weiteren Verlauf die aktive Arbeit mit dem Mikrofon und der eigenen Stimme – bei Musikern auch mit dem Instrument.
Der Mensch erzeugt den Klang selbst, hört ihn und kann unmittelbar erleben, wie Stimme oder Instrument, Körper und Hören miteinander reagieren. Ich beobachte immer wieder, dass gerade diese aktive Erfahrung mehr Sicherheit geben und dazu beitragen kann, der eigenen Hörtoleranz wieder mehr zuzutrauen.
Nicht ständig prüfen, ob es schon besser ist
Noch etwas habe ich aus meiner Arbeit mit Hyperakusis – ähnlich wie mit Tinnitus – gelernt: Wenn wir ständig überprüfen, ob das Symptom noch da ist, richten wir unsere Aufmerksamkeit immer wieder genau darauf.
Deshalb interessiert mich im Verlauf der Therapie nicht nur, ob ein bestimmtes Geräusch noch stört. Mich interessiert vielmehr:
Was wird im Leben wieder möglich?
Geht jemand wieder entspannter aus dem Haus? Wird ein Essen mit mehreren Menschen wieder vorstellbar? Kann ein Musiker wieder spielen, ohne ständig auf den nächsten möglicherweise zu lauten Klang zu warten? Muss ein Kind bei bestimmten Geräuschen noch die Ohren zuhalten?
Das sind für mich wichtige Veränderungen.
Hörtherapie an – Hyperakusis aus?
So funktioniert es nach meiner Erfahrung nicht.
Hyperakusis lässt sich für mich nicht isoliert von dem Menschen betrachten, der sie erlebt. Deshalb steht am Anfang meiner Arbeit nicht die Frage:
Wie bekommen wir die Hyperakusis weg?
Sondern zunächst:
Was genau erleben Sie – und was hat dazu geführt, dass Geräusche für Sie zu einer solchen Belastung geworden sind?
Erst wenn wir das verstehen, können wir gemeinsam herausfinden, welche neuen Erfahrungen mit dem Hören möglich werden können.
