Hoerakademie Freiburg

Zwar schnell, aber nur bedingt verbunden – das Smartphone als Paradoxon der Kommunikation

Die größte Veränderung des letzten Jahrzehnts bezogen auf Kommunikation ist für mich die ständige Präsenz des Smart- oder I-Phones, welche auch massiv unser Kommunikationsverhalten verändert:

Da wir ständig erreichbar sind und ständig Kommunikationsangebote bekommen, müssen wir effektiver und schneller antworten und reagieren. Das verändert zum einen unseren Umgang mit der Schriftsprache: Die Sätze werden kürzer, Satzbau, Grammatik, Groß- und Kleinschreibung wird manchmal beliebig, wir sparen uns gern die Anrede, der Gruß wird durch ein Küßchen-Smiley ersetzt.

Smileys ersetzen die Botschaften zwischen den Zeilen, whatsapp ersetzt leider auch oft das persönliche (Telefon-)Gespräch. Immerhin gibt es Sprachnachrichten, bei denen man vielleicht heraushören kann, welche Emotion in der Stimme mitschwingt. Aber wie wertvoll ist doch ein persönliches Gespräch, in dem ich sofort in Resonanz gehen, emotional mitschwingen und reagieren kann, mich von der Körpersprache des Gegenübers berühren lasse, und mich und mein Selbst bewußt im Jetzt konkret ausdrücken kann?

All das gehört zu einer geglückten und beglückenden Kommunikation dazu.

Ganz ehrlich: wie oft berauben wir uns durch Nutzung des Smartphones dieser höchst entwickelten menschlichen Kompetenz, weil es schnell gehen muss, weil es bequem ist, weil wir uns scheinbar schneller verbunden fühlen?

Wir Erwachsenen sind in der Lage, dies zu differenzieren, eigene Wege und Prioritäten zu finden, Lust an Kommunikation anders zu leben und zu gestalten.

Aber ich habe Sorge um die Kinder, und zwar im jedem Alter. Denn was macht es allein mit einem Säugling und Kleinkind, wenn die Augen der Eltern meistens im Smartphone hängen und nicht der Spiegel des die Welt entdeckenden Kindes sind?

Schauen Sie sich um: wie oft sehen wir ein Kleinkind, das mit dem Rücken zu den telefonierenden, abgelenkten Eltern im Buggy sitzend durch unsere reizüberflutende Welt geschoben, somit ohne Halt, Sicherheit und Orientierung mit der Umwelt konfrontiert wird?

Heutzutage wissen wir es Dank Hirnforschung eigentlich genauer:

Ein ständig fehlendes bzw. instabiles Sicherheits- und Bindungsangebot der Eltern kann zu Entwicklungstraumata führen. In Folge können die Kinder Posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln, die sich in Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensauffälligkeiten, Lernstörungen, seelischen Behinderungen zeigen.

Das wirkt übertrieben? Vielleicht. Auch wissen wir um die Resilienz des Menschen und seine Anpassungsfähigkeit. Aber vielleicht ermöglichen wir unseren Kindern eine gesündere Zukunft, wenn wir uns all dessen bewußt bleiben.

Trop de stimulation, tue la stimulation

Anfang Oktober war ich bei einer vom französischen Tomatis-Berufsverband ausgerichteten Tagung in Nantes. Zu diesem Treffen kamen KollegInnen aus ganz Europa und Übersee, so z.B. auch Liliana Sacarin und Paul Madaule. Somit begegneten sich in Nantes verschiedenste Tomatis-Tradtionen, und es fand ein spannender und intensiver Austausch statt, wirklich bereichernd!

Die Kolleginnen aus Nantes hatten gleich zu Beginn der Tagung ein Diskussionsforum zum Thema „trop de stimulation, tue la stimulation“ (zu viel Stimulation „tötet“ die Stimulation) eingeplant, eine Beschreibung die wir aus allen Lebenslagen kennen. So stößt z.B. zu viel aufgetragenes Parfum uns eher ab, als dass es uns lockt.

Da wir mit unserer Hörtherapie auf verschiedenen Wahrnehmungsebenen (Hörwahrnehmung, Körperwahrnehmung, Gleichgewichtsregulation, Vernetzung der Sinne...) stimulieren, ist es ein entscheidendes Thema für uns Hörtherapeuten täglich zu schauen, wieviel Stimulation verträgt das Kind und/oder der Erwachsene heute, so dass Anregung stattfinden kann und Überstimulation vermieden wird. Diese Balance zu finden, ist so individuell, wie wir Menschen individuell sind.

In der Konsequenz bedeutet das, dass wir im täglichen Gespräch mit unseren Klienten bleiben müssen, ihr Erleben und ihre Reflexion darüber den allerhöchsten Wert haben und wir als Therapeuten eine reflektierte Beobachtungsfähigkeit täglich schulen sollten.

Mit dieser therapeutischen Haltung entfernen wir uns weit von allen Therapieverfahren, die therapeutische Tools am Menschen „abarbeiten“ und die Vorstellung haben, den Menschen und seine Symptome „behandeln“ zu können.

Hörverarbeitung und ihre Alltagsrelevanz

Heute war eine ältere Klientin zum Kontrollhörprofil und anschließendem Gespräch, Beides bieten wir immer 3 Monate nach der Hörtherapie kostenfrei an. Uns freut es immer sehr, wenn die Menschen, die wir in den zwei Hörphasen intensiv begleitet haben, noch einmal den Weg zu uns finden und berichten, wie sie mit dem Abstand von ein paar Monaten die Hörtherapie bewerten und was sie als stabile Veränderungen in ihrer Wahrnehmung, Kommunikation und im Hören erleben.

So auch heute: die Verbesserungen im Hörprofil bei der heutigen Besucherin waren stabil geblieben, was sicherlich auch daran liegt, dass sie sehr intensiv musiziert und ihr Gehör somit täglich aktiv nutzt. Spannender waren für mich allerdings ihre Sätze wie: „ich bin nicht mehr lärmempfindlich, insbesondere Hall macht mir nichts mehr aus“, „ich kann Konzerte ganz anders genießen, mein Musikempfinden hat sich verändert“ und „früher habe ich immer nur reagiert, jetzt agiere ich“.

Diese Sätze zeigen die Alltagsrelevanz einer schnellen und sicheren Hörverarbeitung und -wahrnehmung. Ein wacher und sich seiner selbst bewußter Erwachsener kann das so erleben und beschreiben, bei den Kindern können wir es oft sogar sehen: die Kinder entwickeln eine andere Aufrichtung, ihr Blick ist wacher und neugieriger, ihre Gefühle drücken sich ursächlicher in ihrer Mimik aus und sie wirken nach 2 Phasen Hörtherapie häufig sichtlich gereift.

Es gibt aber auch Kinder, die beeindruckend beschreiben können, was sie als Veränderung erleben, so letzte Woche eine 14-jährige: „Irgendwas hat sich geändert, denn ich kann öfter entscheiden, wo ich hinhören möchte und mich stört z.B. das Stühle scharren nicht mehr beim Zuhören“.

Um das Mädchen mache ich mir nun keine Sorgen mehr, denn wer so eine differenzierte Wahrnehmung hat, diese so steuern und auch noch beschreiben kann, wird zukünftig gut für sich sorgen können.

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